Der zensierte Luther
HANNOVER. (hpd) Zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums am 31. Oktober 2017 wurde von der EKD 2008 die „Lutherdekade“ ins Leben gerufen. Schon im Vorfeld beantragten CDU/CSU und SPD im Deutschen Bundestag eine Würdigung dieses „welthistorischen Ereignisses“. Am 20. Oktober stimmte der Bundestag einstimmig diesem Antrag zu und verkündete eine jährliche finanzielle Unterstützung von fünf Millionen Euro ab 2011 mit einer Gesamtsumme von 35 Millionen Euro bis 2017.
Das Land Sachsen-Anhalt fördert die Lutherdekade mit insgesamt 75 Millionen Euro aus Landesmitteln. Auf dem Weg zum Jahrhundertjubiläum stößt die Lutherdekade alljährlich auf einen gigantischen Stolperstein, der durch gezielte Nichtinformation in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet bleibt: die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Bei einer Förderung von insgesamt 110 Millionen Euro hat der Steuerzahler aber schon einen Anspruch darauf, über den „vollständigen Luther“ und nicht nur über den „zensierten Luther“ informiert zu werden.
Von Reinhold Schlotz
 
Das Selbstverständnis einer Nation ist im Wesentlichen durch ihre Kulturgeschichte geprägt. So, wie herausragende kulturelle Leistungen einzelner Persönlichkeiten für die nationale Identität eine symbolhafte Rolle spielen – man denke z.B. an Goethe, Schiller, Kant, Heisenberg, usw. –, werden auch nachhaltig wirkende geschichtliche Ereignisse durch beteiligte Personen symbolisiert. Der Name Martin Luther steht hier für das geschichtliche Ereignis der Reformation. Seine Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache gilt als eine „literarische Tat ersten Ranges“ (Thomas Mann), eine hervorragende kulturelle Einzelleistung des Reformators und kann als ein Akt der Aufklärung verstanden werden. Reformation und Bibelübersetzung haben die deutsche Kulturgeschichte entscheidend geprägt.
Entsprechend der Bedeutung seiner Leistungen für die „Deutsche Nation“ wird Martin Luther als Vater der evangelischen Kirchen und als eine deutsche Leitfigur gewürdigt und gefeiert. In Deutschland erinnert alljährlich der Reformationstag am 31. Oktober an den Beginn der Reformation durch den (historisch nicht eindeutig belegten) Thesenanschlag Luthers an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg im Jahre 1517.
Jahrhundertfeiern hinterlassen besondere Eindrücke, so die 300-Jahr-Feier an dem Ort, wo Luther einst unter dem Decknamen Junker Jörg das Neue Testament übersetzte, der Wartburg bei Eisenach in Thüringen im Oktober 1817. Dieses Ereignis ging als erstes Wartburgfest in die deutsche Geschichte ein. Die 400-Jahr-Feier stand 1917 im Schatten des 1. Weltkriegs und wurde als willkommene Abwechslung zum Kriegsgeschehen eher verhalten zelebriert. Die 500-Jahr-Feier steht uns eigentlich erst im Jahre 2017 bevor, wurde aber schon am 21. September 2008 als „Lutherdekade“ vom damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber unter dem Motto „Eine Dekade der Freiheit“ eröffnet: „Die Lutherdekade legt ein besonderes Gewicht auf den Lebensweg Martin Luthers …“ und soll „ein Jahrzehnt der Erinnerung an Martin Luther“ sein, wie es Bischof Huber in seiner Festrede in der Schlosskirche zu Wittenberg formulierte.
Luther wurde am 10. November 1483 geboren und starb 62-jährig im Jahre 1546. Versucht man den Lebensweg Luthers bis zu seinem Tode in den modernen Medien wie Kino, Fernsehen, Rundfunk, Literatur und Presse zu verfolgen, so könnte man annehmen, Luther sei schon viel früher verstorben. Seine letzten 10-15 Lebensjahre werden entweder systematisch ausgeblendet oder medial geschickt versteckt, so dass sie einer breiten Öffentlichkeit verborgen bleiben. Akademische Abhandlungen über Luthers Gesamtbiographie findet man vorwiegend in Universitätsbibliotheken, die dann auch nur von einer kleinen interessierten Bildungsschicht gelesen werden. Diesem Muster folgend spricht Bischof Huber in seiner Festrede die „Schatten und Grenzen der Person Luthers“ in einem kleinen Unterabschnitt an: „Luthers mitunter polemischer Charakter, seine ambivalente Rolle in den Bauernkriegen, seine beschämenden Aussagen zu den Juden und sein Kommentar zu den Expansionsbestrebungen des Osmanischen Reichs – all dies gehört in das Bild seiner Person hinein.“
Was sind nun Luthers „beschämende Aussagen zu den Juden“?
Luthers Verhältnis zu den Juden wurde durch die christliche Theologie bestimmt, wonach der Jude Jesus von Nazareth als Messias aller Juden und Heiden, als Sohn Gottes, ja als trinitarisch verstandener Gott in Vater, Sohn und Heiligem Geist für die Sünden aller Menschen am Kreuz gestorben sein soll. Dieser jüdische Messias wurde von den Juden nie als der ihrige anerkannt, was Luther schon in seiner Römerbriefvorlesung von 1515/16 dadurch brandmarkte, indem er „Juden und Ketzer“ gleichstellte (1). Seine neue Theologie von der „Freyheith eines Christenmenschen“ war von seiner Hoffnung begleitet, „ethliche“ Juden zum christlichen Glauben zu bekehren und sie somit vor der ewigen Verdammnis der Ungläubigen und Ketzer zu bewahren. In seiner Schrift von 1523 „Das Jesus ein geborener Jude sei“ legte er anhand des Alten Testaments nochmals dar, dass der von den Juden erwartete Messias in Gestalt Jesu schon gekommen sei und rief dazu auf, die Juden freundlich zu behandeln und sie in die Gesellschaft aufzunehmen, was zu seiner Zeit nicht gerade selbstverständlich war. Die Übersetzung des Neuen Testaments 1522 in die deutsche Sprache und die Fertigstellung der gesamten Bibel 1534 dürfte die Erwartung einer Bekehrung „ethlicher“ Juden noch erhöht haben, konnte sich jetzt doch jedermann im Lande, der des Lesens mächtig war, durch ein Bibelstudium von Luthers Theologie überzeugen lassen.
Die Enttäuschung muss groß gewesen sein, als die erwartete Bekehrung der Juden zum Christentum ausblieb. In der Folgezeit radikalisierte sich seine Haltung gegenüber den Juden dramatisch. Die anfänglich harmlos anmutende Gleichsetzung von „Juden und Ketzer“ verschärfte sich in massive Vorwürfe der Gotteslästerung (2): „Sie … hören nicht auf, unsern Herrn Christum zu lestern, heissen die Jungfrau Maria eine Hure, Christum ein Hurenkind.“
In der judenkritischen Schrift von 1538 „Wider die Sabbather an einen guten Freund“ kündigte er weitere Veröffentlichungen über die Juden an. Seine theologisch begründete Judenkritik steigerte sich jetzt zu einem Judenhass, der in dieser Intensität erst im 20. Jahrhundert wieder seinesgleichen fand.
In seinem 1543 veröffentlichten Buch „Von den Jüden und iren Lügen“ nimmt er dann auch Abstand von dem Vorhaben, die Juden bekehren zu wollen: „Viel weniger gehe ich damit um, das ich die Jüden bekeren woll, denn das ist unmöglich. … Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen“.
 
Im letzten Drittel des Buches mündet dann der theologisch begründete Judenhass in weltliche Ratschläge, wie mit den Juden umzugehen sei: Er ruft auf zum Niederbrennen ihrer Synagogen, sie unter ein Dach oder Stall zu tun, ihnen ihre Religion zu verbieten, ihren Besitz abzunehmen und die jungen Juden und Jüdinnen als Zwangsarbeiter einzusetzen (siehe Infokasten).
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Aus: Von den Jüden und iren Lügen (Wittenberg, 1543)
„Ich will meinen treuen Rat geben:
Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und was nicht verbrennen will, mit Erden überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien.
Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner, auf dass sie wissen, sie seien nicht Herrn in unserem Lande.
Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lesterung gelehret wird.
Zum vierten, dass man ihren Rabinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe. Denn sie haben nichts auf dem Lande zu schaffen, weil sie nicht Herrn noch
Amtleute noch Händler oder desgleichen sind. Sie sollen daheim bleiben …
Zum sechsten, dass man ihnen den Wucher verbiete, der ihnen von Mose verboten ist … und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseit zu verwahren.
Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen …
… Drum immer weg mit ihnen.“
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Dieses „Sieben-Punkte-Programm“ der „scharfen Barmherzigkeit“ zur „Entlastung von der Judenlast“ liest sich wie die Anleitung zum Holocaust, dem 400 Jahre später sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Im Erscheinungsjahr dieses Buches wurde auch Luthers Schrift „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ (1543 veröffentlicht), worin er unter Verwendung des Begriffs „Judensau“ die Juden auf das massivste beleidigte und der Lächerlichkeit preisgab (3).
Am 15. Februar 1546, drei Tage vor seinem Tod, warnte Luther ein letztes Mal in einer „Vermahnung wider die Juden“ (2) vor denen, die „unsern Herrn Jesum nur teglich lestern und schenden“ und bezeichnete sie, sofern sie nicht damit aufhörten, als „unsere öffentlichen Feinde“. Die Hoffnung, einzelne Juden doch noch zu bekehren, klingt in seiner Bemerkung an: „Wo sie sich aber bekeren, iren Wucher lassen und Christum annemen, so wollen wir sie gerne als unsere Brüder halten.“ Zu der Obrigkeit gerichtet mahnt er aber für den Fall, dass die Juden das „Lestern“ und den „Wucher“ nicht lassen: „darum solt ir Herrn sie nicht leiden, sondern sie weg treiben.“
Das Verhältnis des sogenannten „späten Luther“ zu den Juden kam 400 Jahre später den Nazis als Rechtfertigungspotential für die Judenverfolgung im Dritten Reich sehr entgegen: „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen“ (Adolf Hitler, 1923) (4). Kurz nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 vereinigten sich 28 evangelische Landeskirchen in der „Deutschen Evangelischen Kirche“ (DEK), die nach der Kirchenwahl am 23.07.1933 von den der Rassenideologie der Nazis nahestehenden Deutschen Christen (DC) beherrscht wurde. Ab 1938 nannten sich die „Deutschen Christen“ in „Lutherdeutsche“ um.
Reichspogromnacht, Luther und Evangelische Kirche
In der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Der offizielle Auslöser dieser nationalsozialistischen Verbrechen war die Ermordung des deutschen Botschaftsangehörigen in Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch den siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan.
Logistisch war dieses Pogrom von den Nazis schon länger vorbereitet (5). Auch jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe blieben nicht verschont. Die jüdische Bevölkerung wurde fortan verstärkt in die Konzentrationslager deportiert. Reichspogromnacht und die Verschleppung der Juden in die Konzentrationslager erinnern frappierend an die beiden ersten Ratschläge Luthers, ihre „Synagoga mit Feuer anzustecken“ und „sie etwa unter ein Dach oder Stall zu tun, wie die Zigeuner“, die ebenfalls in die Lager deportiert wurden.
Der den Deutschen Christen angehörige evangelisch-lutherische Landesbischof aus Eisenach Martin Sasse veröffentlichte kurz nach der „Reichskristallnacht“ eine Schrift mit dem Titel: „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“. Im Vorwort schreibt er: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muß die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der Größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Im Grunde wurde der treue Rat Luthers von den Nazis de facto Punkt für Punkt umgesetzt: „man nehme alle ihre Betbüchlein und Thalmudisten“ erinnert an die öffentliche Verbrennung „undeutschen Schrifttums“, an die Bücherverbrennung 1933. „Und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold“ erinnert sofort an die Zwangsarisierung jüdischen Besitzes. „Und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen“ erinnert spontan an den Einsatz arbeitsfähiger Juden als Zwangsarbeiter in der deutschen (Rüstungs-)Industrie.
1934 gründete sich die „Bekennende Kirche“ (BK), die sich als Gegenposition zu den Deutschen Christen (DC) der Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) durch den Nationalsozialismus widersetzte (Kirchenkampf). Eine klare Gegenposition zur Judenverfolgung hatte aber auch diese Bewegung nicht.
Neben Dietrich Bonhoeffer, der als einer der ganz wenigen im aktiven Widerstand gegen die Nazis agierte und dabei sein Leben verlor, waren auch Persönlichkeiten wie Martin Niemöller, Friedrich von Bodelschwingh, Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer, Gerhard Ebeling, Rudolf Bultmann, Walter Künneth und Theophil Wurm Mitglieder der Bekennenden Kirche. Nach Kriegsende 1945 formierten sich die deutschen Protestanten in der „Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)“ neu. Der Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Württemberg, Theophil Wurm, der noch vor 1945 im Hitlerstaat die „von Gott gesetzte Ordnung“ erblickte (6), wurde der erste Ratsvorsitzende der EKD. Nach 1945 wies er die Schuld am Krieg und Völkermord der „Gottlosigkeit des NS-Regimes“ und seiner „Abkehr von Gott und seinen Lebensordnungen“ zu (6). Luther wurde erwartungsgemäß in keiner Äußerung der EKD zum nationalsozialistischen Terrorregime, auch nicht im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ erwähnt. Im Juli 1948 schlossen sich acht lutherische Landeskirchen zu der „Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands“ (VELKD) zusammen.
Darstellung Luthers in Öffentlichkeit und Medien
Wie gehen nun die EKD und die evangelischen Christen mit diesem Teil des Lebensweges ihres Kirchenvaters und seinen „beschämenden Aussagen zu den Juden“ um? Wie ist die Darstellung Martin Luthers in der Öffentlichkeit und wie informiert ist diese Öffentlichkeit über den „späten Luther“ und seine Wirkung auf den Nationalsozialismus?
Die 500-Jahr-Feier der Reformation im Jahre 2017 ist die erste Jahrhundertfeier nach Auschwitz und das Thema „Luther und die Juden“ hat einen verschärften Stellenwert in der Beurteilung von Luthers Lebenswerk gegenüber Feierlichkeiten vor 1933. Die der breiten Öffentlichkeit zugängliche Information über Martin Luther ist erschreckend einseitig auf Reformation, Bibelübersetzung und Theologie beschränkt. Es ist einfach, Luthers Judenhass auszublenden, wenn man sich nur auf seine ersten 45-50 Lebensjahre beschränkt. Genau dies wird systematisch getan.
Am 30. Oktober 2003 kam der Kinofilm „Luther“ unter der Regie von Eric Till in die Filmtheater. Neben Joseph Fiennes als Luther haben so bekannte Schauspieler wie Sir Peter Ustinov, Bruno Ganz und Uwe Ochsenknecht mitgewirkt. Der Film beschreibt das Leben Luthers bis ca. in das Jahr 1530. Sein Judenhass wird hierin vollständig unterschlagen. Produziert wurde dieser Film von der EIKON Film gGmbH, einer Firma, die 1960 aus der evangelisch-kirchlich organisierten Filmvertriebs-Gesellschaft Matthias-Film in Stuttgart hervorging. „EIKON versteht sich in der deutschsprachigen Medienlandschaft als Vermittlerin der christlichen Botschaft“, so die Selbstdarstellung auf ihrer Homepage und wird „darin unterstützt von … evangelischen Landeskirchen … sowie durch fördernde Maßnahmen der EKD“. Der Film ist also eine unter der Verantwortung evangelischer Christen, insbesondere der EKD, produzierte Lutherdarstellung mit bewusster Ausblendung seiner letzten 15 Lebensjahre.
Im Rahmen der 10-teiligen ZDF-History-Serie „Die Deutschen“ wurde am 4. November 2008 zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr die Folge 4 mit dem Titel „Luther und die Nation“ ausgestrahlt. Die Macher des Fernsehfilms, mit Georg Prang als Hauptdarsteller, beschreiben Luthers Wirken vom Thesenanschlag 1517 bis zum Augsburger Reichstag 1530 und bringen das Kunststück fertig, dann direkt in das Jahr 1547, ein Jahr nach Luthers Tod, zu springen. Luthers Zeit des Judenhasses wird hier in einer fast dreist anmutenden Weise übersprungen. Als Folge einer intensiven Werbekampagne und der privilegierten Sendezeit wurden „Die Deutschen“ von durchschnittlich 4-5 Millionen Zuschauern gesehen.
Kann man der breiten Öffentlichkeit wichtige, historische Fakten auf diese Weise unterschlagen? Das ZDF-Team unter der Leitung von Guido Knopp kam wohl zu der Auffassung, dass man sich diesem Vorwurf nicht aussetzen will. Aber wie verpacke ich den Lutherischen Judenhass auf eine Weise, die es mir erlaubt, meine Informationspflicht zu erfüllen, ohne dass das problematische Thema von der breiten Öffentlichkeit bewusst aufgenommen wird? Die Antwort ist: Man „verstecke“ es als kleinen Unterabschnitt in einem größeren, unverfänglichen Kontext und sende es zu einer Zeit, wo kleine Einschaltquoten garantiert sind. Genauso wurde das Problem vom ZDF-History-Team gelöst: Am Sonntag, den 05. April 2009 um 23:10 Uhr strahlte das ZDF als Beitrag ihrer History-Reihe den Fernsehfilm „Von Jesus zu Benedikt“ aus.
Zweitausend Jahre Kirchengeschichte in 45 Minuten. Das Thema Luther nahm dabei vier bis fünf Minuten in Anspruch. Es wurde Luthers Buch „Von den Jüden und iren Lügen“ in ca. 30 Sekunden vorgestellt. In einem Interview bezeichnete die damalige evangelische Bischöfin und designierte EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 Margot Käßmann den Lutherschen Judenhass als „überzogen“ und bezeichnete ihn als „eine enttäuschte Liebe Luthers zu den Juden“. Damit machte Frau Käßmann aus dem Täter Luther das Opfer Luther.
Das ZDF-Team um Guido Knopp hat mit diesem Film das Thema journalistisch abgehakt und seine Informationspflicht formal erfüllt. Tatsächlich aber wurde der Lutherische Judenhass mit einem Trick medial geschickt versteckt, so dass er der Allgemeinheit weiterhin verborgen bleibt. In Umfragen über die „größten Deutschen“ landet Martin Luther nach Konrad Adenauer auf Platz zwei. Wäre die Bevölkerung über Luthers Wirken vollständig aufgeklärt, so würde man ihn, wenn überhaupt, wahrscheinlich auf den hinteren Rängen wiederfinden.
In dem ZDF-Dokudrama des evangelischen Theologen und Regisseurs Günther Klein mit dem Titel „Martin Luther“ und Ben Becker in der Hauptrolle, wird das „Wartburgjahr“ vom Mai 1521 bis März 1522 dokumentiert, als Luther als Junker Jörg das Neue Testament übersetzte. Das Thema „Luther und die Juden“ stellt sich hier nicht zwingend und wird auch nicht thematisiert, da es sich lediglich um einen kurzen Lebensabschnitt Luthers im Alter von 38/39 Jahren handelt.
Es drängt sich hier dennoch die Frage auf, warum niemand Interesse daran zu haben scheint, eine Dokumentation über Luthers Verhältnis zu den Juden und seine Wirkung auf die Nationalsozialisten filmisch umzusetzen? Die Entwicklung seiner Persönlichkeit vom „Paulus zum Saulus“ ist eine schauspielerische Herausforderung ersten Ranges und im Kontext der geschichtlichen Auswirkungen an Dramatik kaum zu überbieten. Selbst in der DDR wurde Luthers letzter Lebensabschnitt verdrängt. Die fünfteilige DDR-Fernsehdokumentation vom Oktober 1983 mit dem großartigen Lutherdarsteller Ulrich Thein blendet Luthers Verhältnis zu den Juden ebenfalls aus. Der berühmte kursächsische Sohn aus dem heutigen Sachsen-Anhalt wurde mehr mit dem Anschein eines Sozialreformers ausgestattet, der gelegentlich den Kapitalismus der Fugger anprangerte.
In den geschriebenen Medien sieht es nicht anders aus. In allgemein zugänglichen Büchern über Luther, wie sie in Buchläden und öffentlichen Bibliotheken angeboten werden, wird seine Beziehung zu den Juden kaum thematisiert. In Zeitungen und Zeitschriften wird zwar relativ viel über Luther geschrieben, aber sein Verhältnis zu den Juden bleibt tabuisiert. So bleiben die der breiten Öffentlichkeit zugänglichen Informationen über Martin Luther unvollständige Informationen. Der SPD Politiker Frank-Walter Steinmeier bemerkte (in anderem Zusammenhang) in einem TV-Statement treffend: „unvollständige Informationen sind falsche Informationen“. Daraus läßt sich ableiten, dass bewusst verbreitete, „unvollständige Informationen“ als Lügen bezeichnet werden können. In diesem Sinne kann die bewusst unvollständige Vermittlung eines Lutherbildes, wie es in den der Allgemeinheit zugänglichen öffentlichen Medien verbreitet wird, als eine Lüge, als eine „Luther-Lüge“ bezeichnet werden.
Umgang der EKD mit dem Erbe Luthers
Wie gehen nun die EKD und die evangelischen Christen mit diesem Teil ihrer eigenen Geschichte um? Wie argumentieren sie und wie schätzen sie die Wirkung Luthers auf den Nationalsozialismus ein? Dass es diesen Einfluss gegeben hat, kann nicht geleugnet werden, wie den vielen Zitaten „Deutscher Christen“ und Nazi-Schergen, ja Hitlers selbst, zu entnehmen ist.
Eine Linie von Luther zu Hitler zu ziehen wird in evangelischen Kreisen vehement, ja mit Empörung zurückgewiesen, liegt zwischen beiden ja eine zeitliche Distanz von 400 Jahren. Der bekannte deutsche Philosoph Karl Jaspers (7) sieht das anders, wenn er mit Anspielung auf Luthers „treuen Rat“ von „Luthers … Ratschläge gegen die Juden (die Hitler genau ausgeführt hat)“ schreibt. Auch wenn diese Aussage in Klammern steht, ist sie dennoch so klar und unmissverständlich, wie es Luthers Ratschläge selbst sind.
Mit Empörung zurückgewiesen wird auch der Versuch, Luther mit der nationalsozialistischen Rassenideologie in Verbindung zu bringen. Es wird darauf hingewiesen, dass Luther die Juden primär nicht umbringen oder vertreiben, sondern durch Bekehrung zum Christentum assimilieren wollte, wofür es mehrere schriftliche Belege gibt. Luther selbst versieht dies in seiner Ambivalenz jedoch mit einem Fragezeichen, wenn er schreibt: „Wenn ich könnte, so würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren“. Selbst seinen Wunsch, die Juden zum Christentum bekehren zu wollen, konterkariert er in einer Tischrede (Nr. 1795): „Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein um seinen Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams“.
Es würde sicherlich zu weit gehen, Luther einen Rassismus im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie zu unterstellen. Luther sah die Juden nicht als minderwertige „Untermenschen“ aber im theologischen Sinne schon als (von Gott) „verdammtes Volk“. Das Insistieren auf der Einschätzung, Luthers Judenfeindschaft sei nicht rassistisch, sondern theologisch begründet, ist dann aber umso schlimmer für die Theologie.
Haben Nazis den „späten Luther“ missbraucht?
Haben Nazis die Schriften des „späten Luther“ missbraucht, wie es von evangelischer Seite behauptet wird? Wenn Missbrauch im Sinne von „falsch gebrauchen“ verwendet wird, muss dem ganz eindeutig widersprochen werden: Luthers treuer Rat wurde von den Nationalsozialisten nicht missbraucht, sondern de facto eins zu eins umgesetzt, im Sinne Luthers also „richtig gebraucht“. Während der Nürnberger Prozesse gegen die NS-Kriegsverbrecher 1946, bemerkte der Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“, Julius Streicher: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch [Von den Jüden und iren Lügen] in Betracht gezogen würde.“ Man gibt einem Nazi-Schergen wie Julius Streicher nur widerwillig recht, aber virtuell war Martin Luther bei den Nürnberger Prozessen sicherlich nicht völlig abwesend.
Was bedeutet dies alles nun für eine Einschätzung des „vollständigen Luther“? Der 1938 in die USA emigrierte Literatur-Nobelpreisträger und Protestant Thomas Mann bekannte 1945 in seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ über „Martin Luther, eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens“: „Ich liebe ihn nicht, das gestehe ich ganz offen“ und beschrieb ihn an anderer Stelle (8) als „schimpffroh, zanksüchtig, ein mächtiger Hasser, zum Blutvergießen von ganzem Herzen bereit“. Dem gegenüber steht eine bedingungslos anmutende Verehrung Luthers innerhalb der evangelischen Christen. Eine Verehrung, die bezweifeln lässt, ob diese Christen (in Deutschland gibt es zur Zeit ca. 24 Millionen Protestanten) in ihrer überwiegenden Mehrheit den „vollständigen Luther“ und nicht viel mehr nur den „zensierten Luther“ kennen.
Der „zensierte Luther“
Diese Bewunderung Luthers wird auch sichtbar in hunderten von Lutherstraßen, – plätzen, -gassen in deutschen Städten. Wenn die Grundlage dieser Verehrung nur unter Ausblendung seiner Judenfeindschaft zu verstehen ist, so kann man mit Recht von „Verblendung“ sprechen, eine Verblendung, die denjenigen anzulasten ist, die über den „späten Luther“ zwar informiert sind, ihn aber bewusst verschweigen oder verharmlosen. Ist dies überhaupt ethisch verantwortbar? Ist dies nicht eine Feigheit vor der Wahrheit?
Im Mai 2005 fanden Bürger der „Lutherstadt“ Wittenberg ein angebliches NPD-Flugblatt mit dem Titel „Luther – groszer Ideengeber für die nationale und soziale Jugend“ in ihren Briefkästen. Auch wenn sich die rechtsradikale NPD von diesem Flugblatt distanzierte, so wird an diesem Beispiel deutlich, wie der „späte Luther“ von rechtsradikalen Strömungen für deren Zwecke auch heute noch vereinnahmt werden kann. Hier lastet eine besondere Verantwortung auf der EKD. Luther hat einen tiefen Abgrund hinterlassen und die EKD versucht diesen mit einem dünnen Tuch zu verdecken, anstatt ihn mit einem soliden Geländer einzuzäunen, um der Gefahr eines Absturzes vorzubeugen.
Man kann einen Menschen nicht nur in Teilen verehren. Luther zu verehren heißt immer, ob gewollt oder ungewollt, den „vollständigen Luther“ zu bewundern und seine Judenfeindschaft als Rechtfertigungspotential für Antisemitismus aufrechtzuerhalten. Die evangelischen Christen stecken hier in einem unauflösbaren Dilemma. Aber nicht hinter vorgehaltener Hand verbergen und verdrängen ist hier angesagt, sondern offen und öffentlich verarbeiten! Der bisherige Verlauf der Lutherdekade erweckt jedoch nicht den Eindruck, dass die EKD an einer öffentlichen Verarbeitung von „Luthers beschämenden Aussagen zu den Juden“ wirklich interessiert ist.
Literatur
(1) Karl Gerhard Steck, Luther, Fischer Bücherei 1959, S. 27
(2) Thomas Hauzenberger, Luthers Antijudaismus, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Neuere und Neueste Geschichte, Proseminar WS 1993/94: Martin Luther, Werke, Abt. I, Bd. 51, Weimarer Ausgabe, 1914, S. 195
(3) Christoph Höpfner, Martin Luther – Wegbereiter des Antisemitismus?, GRIN-Verlag 2006, S. 10/11
(4) Dietrich Eckart: „Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir“, München 1924, S. 24
(5) „Als die Synagogen brannten“, Die Reichspogromnacht 1938 im Kreis Bergstaße, Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V., 2011
(6) Wikipedia: Schuldbekenntnis der EKD
(7) Karl Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, Piper München 1962, S. 90
(8) Bernd Hamacher, Thomas Manns letzter Werkplan „Luthers Hochzeit“, Frankfurt 1996, S. 75