Deutschnationales Lutherjahr

Es wird ein gewaltiges nationales Event. Die herrschende Staats-, und Parteieneliten werden mit den Oberen der evangelischen Kirche zum Kirchentag in Berlin und Wittenberg im Mai 2017 eine nationale und religiöse Erbauungsschau abziehen, die den Weltmeisterschaften des Fußballs in nichts nachsteht. Alle Lohnabhängigen, SchülerInnen und Studierenden bekommen am 31. Oktober 2017 frei. Eine Oper wird eigens für diesen Anlass komponiert.

Der Staat lässt sich diesen Event Einiges kosten. Jährlich werden an die Evangelische Kirche 5 Millionen Euro zur Vorbereitung der Würdigung eines der „größten Deutschen“ überwiesen. Einschließlich der Zuschüsse der Bundesländer werden es fast 150 Millionen sein. Seit 2008 hat die evangelische Kirche sich mit ihren Gliederungen darauf vorbereitet. In Bremen findet dazu im Herbst 2016 ein ökumenischer Stadtkirchentag unter Einbeziehung von Evangelikalen und Katholiken statt.

Allein die Größe dieser Verehrungsschau lässt Rückschlüsse auf den Sinn dieser Heldenverehrung zu. Martin Luther war maßgeblich an der Reformation und der daraus folgenden Herausbildung der evangelischen Weltkirche mit heute 650 Millionen Anhängern beteiligt. Seine Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen in die deutsche Sprache wird als nationale, die deutsche Nation mit begründende Großtat beschrieben. Tatsächlich gab es in der Zeit davor bereits 70 dokumentierte Übersetzungen der Bibel in deutsche Sprachen, die Mentelin Bibel erschien 1466 bereits gedruckt. Trotzdem, Luther wird zum Nationalhelden gekürt.
Ein Blick in die Situation des 15. und 16. Jahrhunderts erklärt die zentrale Bedeutung Luthers insbesondere für die damals herrschenden deutschen Fürsten und Könige. Die katholische Kirche hatte ihre Deutungshoheit über den Gang der Welt und ihre Ansprüche auf die weltliche Machtausübung zunehmend an die Fürsten und Königshäuser verloren. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, auch aus den Reihen geistlicher Gelehrter aber vor allem aus den damaligen Hochkulturen Arabien, Indien und China hatte die päpstlichen Dogmen erschüttert. Die Erde war keine Scheibe und mit der Bibel lies sich der Gang der Dinge nicht mehr erklären. Die römisch katholische Kirche war in der Krise. Der Ablasshandel (es gab auch Sozialtarife für Arme) war Ausdruck der sich abzeichnenden Lockerung der kirchlichen Dogmen. Zwar wurde die Inquisition erst nach 1800 formell abgeschafft aber der Vernichtungswahn gegenüber Andersgläubigen hatte deutlich nachgelassen.
Zahlreiche Zeitgenossen Luthers versuchten sich an der Reformierung der kath. Kirche, der Verweltlichung des städtischen Lebens oder der Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Kopernikus, Erasmus von Rotterdam, Leonardo da Vinci, Giordano Bruno u a. kann durchaus ein Beitrag zur Entwicklung des Humanismus und der Aufklärung zugesprochen werden. Luther war theologisch und politisch das genaue Gegenteil. Er propagierte die lebenslange Busse und verfestigte die biblischen Dogmen. Insbesondere sein Hass auf Andersgläubige war gewaltig. In seinen Schriften und Predigten forderte er nicht nur die Tötung der Wiedertäufer und der Juden. Er forderte die Verbrennung der Hexen und die Tötung von Menschen mit Behinderungen. (in den evangelischen Teilen des Deutschen Reiches war die Zahl der als Hexen verbrannten Frauen erheblich höher als in den katholischen). Gegen die Naturwissenschaftler und Kirchenreformer zog er zu Felde. Vernunft sei „des Teufels Hure“ entgegnete er Kopernikus und „Wer den Erasmus zerdrückt,der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig“ lies er ebenfalls verlauten. Der Luther Biograf Richard Marius bezeichnete Luther als „eine Katastrophe für die westliche Zivilisation“.

Im 15. und 16. Jahrhundert kam es darüber hinaus zu erheblichem Widerstand gegen die Leibeigenschaft auf dem Lande. Bauernaufstände und Rebellion in den Städten nagten an der Macht des Adels. Die deutschen Fürstenhäuser wollten sich den katholischen kirchlichen Besitz aneignen und rangen mit dem katholischen Kaiser.
Da kam Luthers Staats-, und Religionstheorie genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Satz:“ Es ist besser, wenn Tyrannen hundert Ungerechtigkeiten gegen das Volk verüben, als dass das Volk eine einzige Ungerechtigkeit gegen die Tyrannen verübt.“ ist für absolutistische Fürsten ein Bewerbungsschreiben zur Beförderung zum Lieblingstheologen. Ebenso dürften Landadel und Fürsten entzückt gewesen sein als Luther zur Tötung der aufständischen Bauern aufrief: „Steche, schlage, würge hie, wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmer erlangen (Luther über die aufständischen Bauern, Weimarer Ausgabe 18,S. 357f)

Damit ebnete Luther den Weg der evangelischen Kirche zur Preußischen und später der deutschen Staatskirche. In der Person des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II ging 1918 auch der Vorsitzende der deutsche evangelischen Bischöfe von Bord.

Letztlich dürfte Luthers Forderung an die Christen, sich der weltlichen Herrschaft unterzuordnen. „mit Leib und Besitz sind sie (Die Christen) dennoch der weltlichen Obrigkeit unterworfen und Gehorsam schuldig. Wenn sie nun von der weltlichen Obrigkeit zum Kriege aufgefordert werden, sollen und müssen sie kämpfen, aus gehorsam, nicht als Christen, sondern als Glieder und als untertänige, gehorsame Leute, dem Leibe und dem zeitlichen Besitze nach.“ (Ob Kriegsleute in seligem Stand sein können 1526) zu seiner Beförderung zum größten Propheten seit Mohammed und Nationalheld geführt haben.
In deutschnationalen Kreisen (leider auch in manchen Schulbüchern) wird eine durchgängige Linie der deutschen Helden von Hermann, Siegfried, Luther bis Bismarck gezeichnet.
Martin Sasse, Bischof der ev. Kirche in Thüringen veröffentlichte 1938 eine Schrift unter dem Titel Martin Luther und die Juden: Im Vorwort hieß es:
„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird… die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes (Luther) gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“

Hitler ist aus dem Jahre 1923 mit folgendem Satz zitierbar: „Luther war ein großer Mann,ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung; sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen“. Die Vernichtung der Juden während der Nazi Herrschaft lehnte sich an die sieben Ratschläge Luthers aus seiner Schrift: “Von den Jüden und iren Lügen“ an. Er forderte das Abbrennen der Synagogen, das Abnehmen des Goldes und dass man den „jungen und starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, ..… Drum immer weg mit ihnen.“
Luther hat der Tendenz der Aufweichung der biblischen Wahrheiten innerhalb der katholischen Kirche eine reaktionäre fundamentalistische Position entgegengesetzt. Diese fundamentalistische Strömung ist in der weltweiten evangelischen Bewegung die große Mehrheit. Die Evangelikalen sind noch weit fundamentalistischer als die heutige Katholische Kirche. In den USA kämpfen sie für das Verbot der Evolutionstheorie in den Schulbüchern, in Westafrika für die Einführung der Todesstrafe für Schwule und Lesben. Auch innerhalb der EKD gewinnen die Evangelikalen zunehmend Einfluss.
In seiner Rolle als fundamentalistisch reaktionärer Prediger kann Luther durchaus mit Khomeni, Parzani, Bannah (Gründer der Moslem Brüder) Olaf Latzel verglichen werden.

Trotz der Kenntnis von Luthers Werken und seinem Wirken will die Spitze der evangelische Kirche (EKD) jedoch an einer Heldenverehrung festhalten. Angesichts drastisch sinkender Mitgliederzahlen (minus 410 000 im Jahre 2014) soll ein missionarisches Highlight gesetzt werden. Allerdings kommt die EKD nicht umhin, dass sie der immer bekannter werden Judenfeindlichkeit Luthers Zugeständnisse machen muss. In der Tagung der EKD Synode in Bremen vom 8. bis 11. November 2015 wurde denn auch in einer Erklärung folgende, der Öffentlichkeit weitgehend vorenthaltene Passage beschlossen: „Mit der kulturprägenden Kraft des Protestantismus waren auch dunkle Seiten verbunden. Die gesellschaftsgestaltende und staatstragende Rolle, welche der Protestantismus gerade in Deutschland einnahm, hat zu den Irrtümern der jüngeren deutschen Geschichte beigetragen. Insbesondere ist hier die weitgehende Unfähigkeit des deutschen Protestantismus zu nennen, sich der Ausbreitung des Antisemitismus und seiner rassischen Begründung entgegenzustellen, sowie die Bereitschaft, die eigenen antijüdischen und judenfeindlichen Traditionen zur Legitimierung der der Judenverfolgung zur Verfügung zu stellen.“
„Luthers beschämenden Aussagen zu den Juden“ (Bedford-Strom – Bischoff) als Distanzierung reicht nicht. Bei der Kenntnis der oben angerissenen Aufrufe zu Mord, Totschlag und Unterdrückung, müsste die Party eigentlich abgesagt werden.
Von Distanzierung zu Luther kann nicht gesprochen werden. Margot Käßmann, die von der EKD beauftragte Reformationsbotschafterin verdreht die Tatsachen wissentlich. Sie schreibt:“ Luthers Freiheitsbegriff hat große Konsequenzen nach sich gezogen. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als Parole der Französischen Revolution hat im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln.“ Dreister kann Mensch nicht lügen.
Wenn Staat und evangelische Kirche eine Lutherverehrung in derart gigantischem Ausmaß, wie für 2016 und 2017 geplant durchführen, müssen sie sich gefallen lassen sich, dass sie damit den vollständigen Luther, einen Ideengeber des Holocaust, einen Aufrufer zur Verbrennung von Hexen, einen Kriegsverherrlicher, einen Befürworter des bedingungslosen Untertanentums, einen Frauenfeind, einen der zum Mord an Andersdenkenden aufrufenden Hasspredigers zum Idol erklären. Luther ist Leitfigur des deutschen Nationalismus und des religiösen Fundamentalismus zugleich. Eine Heldenverehrung wird daher neue RassistInnen, Antisemiten, Nationalisten und geistige HexenverbrennerInnen hervorbringen.
Der Buchautor Richard David Precht hat Luther in einem Interview vom 20.1.2016 im Münchner Abendblatt wie folgt beschrieben: „Ein widerlicher Geselle, ein Verbrecher an der Menschheit. Den haben wir noch nicht richtig aufgearbeitet. Wir gehen mit Luther um, als sei er ein „Heiliger“ der evangelischen Kirche. Er war aber ein für die damalige Zeit untypisch aggressiver Antisemit, Frauen verachtend bis ins Mark und vom Denken her völlig mittelalterlich. Teufel war sein Lieblingswort. Die Gesellschaft war sehr viel weiter.“

Es heißt, gegen die deutsch fundamentalistische Einheitsfeier von Kirche und Staat Einspruch einzulegen.


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