Weser Kurier fährt Kirchenkampagne

SPD wollte Flüchtlingskinder nicht in kirchliche Schulen zwingen.

Weser Kurier und Kirchenlobby zwingen SPD Fraktion in die Knie.

Am 4. März berichtete der Weser Kurier auf der Titelseite unter der Überschrift: „Privatschulen dürfen nicht helfen“ vom Beschluss der SPD Fraktion Vorkurse für Flüchtlingskinder nur an staatlichen Schulen einrichten zu wollen. Kirchliche Schulen, das ökumenische Gymnasium, die evangelikale „Freie Evangelische Bekenntnisschule“ und die katholische St. Johannis Schule wollten Vorkurse einrichten.

Bei der Johannis Schule wird ausdrücklich bestätigt: Zu Unterrichtsbeginn wird gebetet, regelmäßige Gottesdienstbesuche als Gruppenevent sind im Programm und der Pastor kommt zum Religionsunterricht in die Klasse. Gleiches findet in der evangelikalen Bekenntnisschule statt. Die missionarischen Kirchen und ihre Einrichtungen haben sich auf die Flüchtlinge gefreut. Der evangelikale Nachrichtendienst IDEA titelte am 21. September 2015 „Gott hat die Flüchtlinge nach Europa geschickt“ damit wir (die Evangelikalen) sie missionieren können. Die Bibelfreunde haben bereits mehr als 100 000 Bibeln in arabisch drucken lassen. Da lag die SPD Fraktion mit ihrer Einschätzung der missionarischen Wirkung kirchlicher Schulen und der Forderung nach Trennung von Kirche und Staat ziemlich richtig.
Anzumerken ist ferner, dass die Lehrkräfte ja eh vom Staat bezahlt würden. Allein die Räume und die nach religiösen Kriterien ausgewähten Lehrkäfte stellen die kirchlichen Schulen zur Verfügung. So kann sich denn auch wieder einmal eine kirchliche Einrichtung rühmen „Gutes“ zu tun – allerdings wieder einmal hauptsächlich mit Staatsgeldern. Würden die finanziellen Mittel der Stadt und des Bundes für Vorkurse nicht in den kirchlichen Schulen eingesetzt, fänden sie an anderer Stelle in einer staatlichen Schule statt.
Die Zahl der Vorkurse und die Zahl der beschulten Kinder würde sich durch die Durchführung an kirchlichen Schulen nicht erhöhen.

Allerdings hatte die SPD Fraktion die Rechnung ohne die Bremer Kirchenlobby gemacht. Diese schlug auch umgehend zurück und heuchelte Entrüstung. Bereits am Folgetag dem 5. März meldete sich eine Riege politischer Gutmenschen und Kritiker im Weser Kurier zu Wort. Allen voran Elisabeth Motschmann als CDU Bundestagsabgeordnete und verheiratet mit dem evangelikalen Pastor Jens Motschmann, Vorgänger von Olaf Latzel in der St. Martini Gemeinde. Der CDU Abgeordneter Thomas vom Bruch, nebenbei im einem Kirchenvorstand tätig, bezeichnete die säkularen Vorschläge der SPD als Schlag ins Gesicht aller ehrenamtlichen Helfer.
Auch Matthias Güldner von den Grünen (Mitglied im Beirat des evangelischen Bildungswerks) befand die Entscheidung der SPD als völlig unverständlich. Ja selbst die Fraktionsvorsitzende der Linken, Kristina Vogt verstand es nicht, schlug allerdings vor, dass sich die kirchlichen Schulen verpflichten sollten, keine Missionierung vorzunehmen. Also so etwas, wie die Umerziehung eines Tigers zum Vegetarier. Die SprecherInnen des zentralen Elternbeirats wurden vom WK ebenfalls bemüht.

Der Weser Kurier drückte weiter. Am 8. März erschienen 25 Leserbriefe mit eindeutigem Tenor: Die SPD Ideologen würden unmenschlich handeln und die Hilfsbreitschaft der „Privatschulen“ ausschlagen. (Die SPD Leute wollten doch nur Menschen vor kirchlichen Ideologien beschützen) Leserbriefe, die sich positiv zum SPD Beschluss äußerten wurden nicht abgedruckt. Nicht mehr nötig. Schon auf dem Titelblatt wurde der kleinlaute Rückzug der SPD vermeldet.
Zum Schluß setzte Silke Hellwig, eine der beiden Chefredakteure des Weser Kurier in einem Kommentar am Folgetag, dem 9 März, noch eins drauf.

„Eine Blamage“ hies der Titel Ihres Kommentars in dem sie bemerkte: “es ist nicht fein, nachzutreten.“, es dann aber in aller Schärfe selbst tat. Sich selbst dabei auf die Schulter klopfend, stellte sie fest, dass sich der Sinneswandel der SPD nicht „unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzogen hätte“, also erst durch gezielte öffentliche Proteste zu Stande kam.
Richtig. Während sich die anderen Bremer Medien zurückhielten, etwa die TAZ erst im Nachherein berichtete, konnte im Weser Kurier eine richtige Kampagne festgestellt werden. Innerhalb von 5 Tagen mit fünf großen Artikeln und zwei Leserbriefseiten zu dieser Frage zu Felde zu ziehen, ist eine echte Kampagne. Das macht sonst nur die Bildzeitung. Einzig die evangelikale Medienagentur IDEA heuchelte ausser dem Weser Kurier Empörung.
Hier stellt sich die Frage zu Silke Hellwig.
Sie wurde 2011 zur Chefredakteurin des WK berufen, musste dann allerdings schnell ihren Posten teilen, weil sich innerhalb der Redaktion massiver Widerstand gegen ihren autoritären Führungsstil formierte. Nebenberuflich ist Silke Hellwig im Kuratorium der Stiftung der Inneren Mission in Bremen tätig. Die Innere Mission ist der größte Träger innerhalb des Diakonischen Werks, des Wohlfahrtsverbandes der evangelischen Kirche. Zum Diakonischen Werk gehören auch die Trägervereine einiger evangelischer Privatschulen.
Die Verbundenheit des Weser Kurier mit der Bremischen Evangelischen Kirche, BEK, kommt auch in wirtschaftlichen Belangen zum tragen. Der Weser Kurier druckt die Bremer Kirchenzeitung und ist bei der redaktionellen Erstellung hilfreich. Auch das „BEK Forum“ eine Zeitschrift für Kirchenaktivisten wird vom WK gedruckt und verteilt. Die BEK und die diversen Einrichtungen sind darüber hinaus mit ihren Anzeigen ein Großkunde. Wer vergrault schon eine seiner größten Einnahmequellen durch kirchenkritische Berichterstattung ? Nach Staat und Daimler sind die Kirchen und ihre Verbände die größten Arbeitgeber in Bremen. Allen dort Beschäftigten werden elementare Arbeitsrechte und Grundrechte vorenthalten. Kirchenaustritt kann den Job kosten, die Wahl eines Betriebsrates ist nicht vorgesehen und Kündigungsschutz gilt nur begrenzt.

Wer sich in Bremen mit den Kirchen anlegt und sich deren ökonomischen oder religiösen Interessen in den Weg stellt, muss sich auf heftigen Gegenwind aus den kirchlichen Netzwerken einstellen. Dazu reicht es nicht in Hinterzimmern und Fraktionsräumen richtige Beschlüsse zu fassen. Der Unsinn kirchlicher Schulen in denen gezielt mittelalterliches Denken vermittelt wird, (Schöpfungslehre, Unfehlbarkeit des Papstes, Verbot der Verhütung, homophobe Grundeinstellungen, etc.), muss in die tägliche Debatte, dann können Säkulare und Atheisten auch bestehen.

Gegenwärtig sind nur noch 194 000 BremerInnen und Bremer Mitglied der evangelischen Kirche , nur knapp mehr als ein Drittel der Stadtbevölkerung. Die Kirche spielt sich aber auf, als spräche sie für alle. Um Wählerstimmen buhlende Politiker glauben dies auch noch und sind den Kirchen gern zu Diensten. Angesichts der Nähe und wohlwollend häufiger Berichterstattung des WK über die evangelische Kirche wirft sich allerdings die Frage auf, warum die BEK sich noch eine eigene Kirchenzeitung leistet und sich nicht gleich auf den Weser Kurier verlässt.

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